2011/09/22

LYNN and HORST Im Interview...



'Quality since 2007' steht groß neben dem Titel. Und in der Tat liefert Horst Meier diese in jeden einzelnen Post. LYNN and HORST setzt sich mit Mode auseinander und verortet diese immer in einen gesellschaftlichen Kontext, und vor allem in der Kunst. Vielen Dank an Horst für das Interview.

Was bedeutet Mode für Dich? 
Es klingt vielleicht pathetisch, ist aber tatsächlich ein zentraler Bestandteil der  Auseinandersetzung mit meinem ästhetischen Umfeld. Interessant neben der äußerlichen, sehr attraktiven Komponente, ist aber auch die psychologische Dimension von Mode. Welche Beziehungen stellt sie im kulturellen System her, welche Referenzen werden aufgegriffen, welche emotionalen Bedürfnisse der Gesellschaft gestillt. Mode ist vergänglich und auch darum wahrscheinlich für mich als Existentialist von Bedeutung. Andere setzen sich mit dem Tod auseinander, ich wähle die Kollektionen.

Welchen gesellschaftlichen Stellenwert hat Mode als Kulturgut allgemein?
Mode hat einen fundamentalen Stellenwert, auch wenn viele es aus Angst vor Eitekleit und Narzismus verneinen würden. Aber jeder trifft Entscheidungen bezüglich Mode. Im Prozess der Kulturerzeugung hat Mode naturbedingt nur eine sehr begrenzte Halbwertzeit - nämlich die einer Saison. Danach ist Mode definitionsbedingt nicht mehr Mode und damit nicht mehr Kulturgut. Durch Recycling wird ihre Lebensdauer verlängert - gerade darum hatte Martin Margiela einen unbestreitbaren Einfluss auf den allgemeinen Kulturkörper, auch wenn er der breiten Masse nicht unbedingt ein Begriff sein muss. Für mich hat Mode nur bedingt etwas mit gesellschaftlichen Status zu tun. Luxusmarken reflektieren nach außen mittlerweile eine enorme Diskrepanz: finanzielle Elite, ironische Kritiker und provinzielles Proletentum schmücken sich alle mit den gleichen Logos. 

Ticken die FrankfurterInnen anders als die BerlinerInnen?
Berlin hat eine Aufladung erfahren. Die Stadt ist als Ort etabliert, an dem ein spezifisches Aussehen zu einem zentralen, gesellschaftlichen Prinzip erhoben wurde. Interessant hierbei ist die Limitation, der Look ist konkret (und gleichzeitig unausgesprochen) definiert. Diese "Regel" bietet zum einen Sicherheit und fördert die eigene Auseinandersetzung mit Mode und deren Integration in den Lebensalltag. In anderen Städten ist diese Aufladung noch nicht explizit passiert; die Notwendigkeit eines modischen Auftretens ist so nicht zwingend notwendiges Kriterium der Zugehörigkeit. Zum anderen verhindert deren Einforderung auch die Entfaltung unausgelebter modischer Wünsche und Fantasien. Kurz gesagt: Die Angst, overdressed zu sein.

Glaubst du Blogs können Mode einer breiteren Öffentlichkeit zuführen? Oder dienen sie eher als Träger von Werbebotschaften und steigern das Verlangen nach bestimmten Produkten?
Blogs verkaufen Image und Produkte, ganz klar. Auch wenn nur noch selten Meinungen geäußert werden, ist eine Erwähnung stets Wertschätzung (wenn auch ohne Wert) und schafft Vetrauen. Viel wichtiger als die wirtschaftliche oder edukative Komponente ist vielleicht aber auch die literarische. Menschen schreiben täglich, wählen Worte, suchen den Austausch und Halt bei Gleichgesinnten. Das hat einen hohen emotionalen, gesellschaftlichen Wert - ganz ungeachtet einer qualitativen Betrachtung.

In welchen Punkten haben sich Blogs am meisten verändert verglichen mit den Anfangsjahren 2005/2006?
Genialität und Trash lagen schon immer nah beinander. Diane Pernet hat das unprofessionelle Bloggen professionalisiert. LYNN and HORST hatte zu Anfangszeiten auch eine hohen, unreflektierten Trashfaktor. Spannenderweise ist gerade der naive Blick manchmal Schlüssel zum Erkennen und Entdecken - und daher genauso wertvoll wie eine kulturhistorische Abhandlung zum Einsatz von Plastikregenmänteln in der Populärkultur. Über die Jahre hinweg sind Blogs schlicht und einfach dem Naturgesetz der Entropie gefolgt: alles folgt dem Chaos, der Verteilung. Blogs sind nun kein Hype mehr, sie sind etabliert. Sie sind Massenmedium. Ihre Qualität ist wahrscheinlich gleich geblieben, man muss nun nur noch die für das eigene Modeverständnis relevanten Quellen finden.

Waren die Macher kreativer, weil sie unbedarfter und weniger 'erfolgsorientiert' waren?
Die Kreativität lag zu Beginn alleine in der Verwendung einer neuen, innovativen Plattform begründet. Nach deren Etablieren sind neue Ansprüche hinzugekommen. Erfolgsorientierung ist nicht unbedingt mit Kreativität verknüpft. Extreme Kreativität kann auch überfordernd, abschreckend und einer professionellen Karriere hinderlich sein.

Was ist überhaupt ein erfolgreiches Blog?
Hier kann ich nur subjektive Kriterien anführen. Ein Blog ist erfolgreich, wenn er es schafft, einen persönlichen, kultur-ästhetischen Standpunkt kontinuierliche weiterzuentwickeln.

Was sind die Stärken und Schwächen von Blogs?
Blogs haben ihre Rolle als Dialogmedium verloren; in diesem Kontext ist das Social Web gescheitert. Informationsstreams haben Informationsvermittlung ersetzt. Gleichzeitig hat diese Veränderung Blogs eine erhöhte Konsumierbarkeit verliehen. Die Mainstream-Maschinierie hat für Durchdringung gesorgt. Das Prinzip Blog erfüllt eine post-romantische, positivierende, beruhigende Funktion - denn "sie sind immer für mich da".

Neulich hast du bei Facebook das Ausbleiben von Kommentaren bemängelt. Was bedeutet der Austausch mit dem Leser in deinem Fall, aber auch ganz allgemein?
Zunächst ist es ganz egoistisch motiviert; man möchte für seine gedankliche Arbeit Wertschätzung und vergisst manchmal, dass man diese Wertschätzungen nicht vorraussetzen oder erwarten darf. Dennoch vermisse ich die Tage, in denen fundiert aber auch humorvoll über Themen diskutiert wurde. Über-Konsum hat Auseinandersetzung erschwert, alleine begründet in dem enormen Zeitaufwand, den Informationsstreams heute verlangen. Wir schlucken nur noch und verdauen nicht mehr.

Wie wichtig ist dir Kritik? Und wie sollte diese sein? Glaubst du Blogger sind allgemein kritikfähig genug? 
Kritik, die Bestehendes hinterfragt und Änderung impliziert, wird vom Menschen als bedrohlich empfunden und abgewehrt. Als Schreibender muss man sich eine gewisse Souveränität erarbeiten, um Kritik in Anregung zu verwandeln. Dann kann man auf jegliche Art von Kritik (ob konstruiert oder konstruktiv) intelligent reagieren.

Viele Blogs werden mit dem Hintergedanken betrieben finanziell Erfolg zu haben. Was denkst du über diese Herangehensweise?
Ich vertrete hierzu einen klaren Standpunkt: finanzielle Orientierung führt zu einer Inhaltsverschiebung - nicht zwangsläufig (aber häufig) verbunden mit Qualitätsverlust. 

Und wie hältst du es mit Lynn&Horst?
Der Blog ist unkommerziell und unabhängig. Momentan ist es ein philosophisches Instrument zur Dokumentation meiner gedanklich-visuellen Assoziationsströme.

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