2011/12/07

Paris, 1875...


Gestern fiel mir ein Katalog von Christie's in die Hände und schon das Cover zog mich magisch in seinen Bann. Es zeigte zwei Männer in einem Café und war, wie sich herausstellen sollte ein Ausschnitt aus Ilja Repin's 1875 entstandenem Gemälde 'Un café du boulevard'. Hauptsächlich wurden die im Sommer zur Aktion angebotenen Werke russischer Kunst vorgestellt und beschrieben. Einen Schwerpunkt legten die Macher des Katalogs aber auf das Hauptwerk der Auktion, nämlich jene Kaffeehausszene. 
Repin kam Mitte der 1870-er Jahre an die Seine und war vor allem von den Impressionisten und ihrer neuen Malweise beeindruckt. Nach dem Studium in Sankt Petersburg und einem Stipendium, war es ihm möglich fünf Jahre lang recht sorgenfrei zu Reisen und seine Malerei weiterzuentwickeln. Neben Italien und Wien stand vor allem Paris auf dem Plan, er schien sich viel von der Stadt zu versprechen. Doch bereits zwei Jahre vor dem eigentlichen Ende seines Aufenthalts reiste er zurück in seine Heimat, weil der erhoffte Erfolg sich nicht einstellen wollte.
Nach der Rückkehr nach Russland wendete er sich einer realistischeren Darstellungsweise zu, während der Impressionismus eines Claude Monet immer abstrakter wurde. Vergleicht man die beiden anhand der zu dieser Zeit entstandenen Arbeiten, also zum Beispiel Monet's Version von 'Frühstück im Grünen' von 1865, finden sich durchaus Parallelen. Mehr noch, wenn man Renoir oder Manet hernimmt und sie neben Repin's Werk hält.


Das Bild ist eine Studie der Pariser Gesellschaft nach dem zweiten Kaiserreich. Georges-Eugène Haussmann hat die Stadt umgestaltet und nun werden die Boulevards von einer neuen bürgerlichen Schicht bevölkert. Es war die Zeit der Dritten Republik und Frankreich kämpfte noch immer mit den Folgen des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/1871. Gleichzeitig entstanden die großen Kaufhäuser, Charles Frederick Worth war weiterhin der König der Haute Couture und statt der Krinoline trugen die Damen nun die Tournüre, um den Hintern zu bauschen. 
Zwei Damen beherrschen das Gemälde, und zwei junge Männer. Letztere sind gerade im Begriff das Kaffeehaus zu verlassen und während sich der eine fast stolz den Schnurrbart zwirbelt, wirft der andere nochmals eine letzten Blick durch sein Monokel auf die Dame im Vordergrund des Bildes. Sie ist in Schwarz gekleidet, Schultern und Arme werden nur durch Spitzen bedeckt. Mit ihrem Schirm spielend möchte sie Gleichgültigkeit suggerieren, doch sicherlich ist sie sich auch der auf sie gerichteten Blicke bewusst. Und nicht nur die beiden jungen Männer scheinen sie bemerkt zu haben, auch der Mann am Nebentisch ist ihr zugewandt und scheint das Interesse am den Kind hinter der Dame nur vorzutäuschen. 
Die zweite Dame wurde fast in der Mitte des Bildes platziert. Sie zeigt dem Betrachter nur den Rücken und stellt gleichzeitig ihre modische Kleidung zur Schau. Aus den um 1850 in Mode gekommenen Stollen aus Kaschmir haben sich zur Mitte der 1870-er Jahre hin Mäntel entwickelt, bezeichnet als 'Visite', die durch ihren Schnitt die Tournüre betonen. Sie waren mit Paisley-Mustern bedruckt und wurden zu der Zeit auch schon Frankreich produziert. Teuer aber waren sie zweifellos, und zeugten vom Wohlstand der Trägerin.  Gerade Lyon entwickelte sich zur Hochburg der Verarbeitung von Kaschmir. 


In einer Vorstudie zeigte Ilja Repin die Dame noch mit einem losen Tuch, welches ihr von der Schulter zu rutschen scheint. Die Dame erinnert in der Kleidung, und sogar im Ausdruck, an Alfred Stevens' 'Veux-tu sortir avec moi, Fido?'. Man erkennt daran nicht nur, dass sich Repin für eine zeitgemässere Kleidung entschied, sondern auch eine modische Entwicklung. In diesem Jahren verließ die Frau die Abgeschlossenheit des Heimes und nahm am Leben auf der Straße teil, ohne ihren guten Ruf dadurch zu beschädigen. Die großen Kaufhäuser waren die erste Bastion, später dann auch Kaffeehäuser.
Das Bild wurde in seiner letztendlichen Form nur ein einziges Mal öffentlich ausgestellt, nämlich beim Pariser Salon von 1875. Es erregte kaum Aufsehen, was Ilja Repin veranlasste Paris zu verlassen und nach Russland zurückzukehren, wo er zu einem der großen Stars der russischen Malerei wurde. Sein Spezialgebiet waren realistische Darstellungen, mal von 'Wolgatreidlern' und mal von historischen Ereignissen. Seine Bilder bewegten die russische Seele mehr als die feine Pariser Gesellschaft.


Im Sommer nun kam 'Un café du boulvard' bei Christie's unter Hammer, zusammen mit einem Skizzenbuch und zahlreichen Studien. Es brachte mehr ein als alle anderen Bilder dieser Provenienz und Prominenz zuvor ein, nämlich knapp 4,6 Millionen Pfund.

Alle Bilder via Christie's

1 Kommentar:

  1. ganz toller Artikel, wunderbar zu lesen.
    Siegmar

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