2011/10/13

A Family Affair...



Manchmal ist es mit der Inspiration so eine Sache, sie schleicht sich durch ein Hintertürchen ein und gibt sich erst dann zu erkennen, wenn alle Puzzleteile ein rundes Bild ergeben. Vor wenigen Tagen, ich habe bereits darüber geschrieben, habe ich in einer alten Ausgabe der Monopol einen Artikel über Dash Snow gelesen. Der war von 2007, Snow war also noch am Leben. Gestern dann begegnete ich Sao Schlumberger und war mehr abgeschreckt als begeistert von ihrer schrecklichen Art sich einzurichten, gleichzeitig aber weckte dieser Beitrag mein Interesse an der Frau und ich habe ein bisschen was über sie gelesen. Nun was ist der Zusammenhang? Was verbindet diese beiden Persönlichkeiten, die unterschiedlicher nicht sein könnten?
1926 gründeten die Brüder Conrad und Marcel Schlumberger eine Firma, die eine große Nummer im Ölgeschäft werden sollte. Eigentlich stammten die Schlumberger's aus dem Elsass, wo die Vorfahren sich als Winzer verdingten und der Vater von Conrad und Marcel Textilien herstellte. Die Mutter war Marguerite de Witt, eine französische Feministin und Frauenrechtlerin. Und es waren auch die Frauen, die späterhin für Aufsehen sorgten. 
Nicht das fördern von Öl haben sich die Schlumberger Brüder zur Aufgabe gemacht, sondern sie belieferten die Förderfirmen mit dem nötigen Equiptment. Das war eine Goldgrube und lies die Firma unermesslich reich werden. Amerika war dafür natürlich der beste Markt, also übersiedelten die Schlumberger's dahin. 

Dash Snow 

Kinderreich war die Familie immer und Conrad war bereits mehrfacher Vater als er auswanderte. Seine älteste Tochter Dominique blieb jedoch vorerst in Paris und und heiratete 1931 den Adligen Jean de Ménil. Erst als die deutsche Besatzung das Leben in der Stadt für kurze Zeit lahm legte, entschieden sich auch die de Ménil's dem alten Europa den Rücken zu kehren und erkoren, wie die anderen Mitglieder des Schlumberger-Clans auch, Houston als neue Heimat aus. 
Ihr Vater war zu diesem Zeitpunkt bereits seit vier Jahren tot und sie erbte ein immenses Vermögen. Sie war schön, sie war kultiviert und reich; die de Ménil's wurden schnell zum Mittelpunkt der Gesellschaft. Sie ist quasi so etwas wie die Urmutter dieser spannenden Familie, zumindest verteilte sie großzügig ihre künstlerischen Gene und alles gipfelte dann in ihrem Ur-Enkel Dash Snow, der, hätte er etwas länger gelebt, sicherlich eine noch viel größere Nummer in der zeitgenössischen Kunst hätte werden können. 
Aber erst noch einmal kurz zurück zu Dominique. Nicht nur der Kunst galt ihr Interesse, sollte sie doch den Grundstock für eine der größten privaten Kunstsammlungen des 20. Jahrhunderts legen, sondern auch modisch ist sie durchaus einen zweiten Blick wert. Auf dem Bild oben trägt sie ein Kleid von Charles James. Nie von ihm gehört? Ja, das ist auch gar nicht so einfach, denn er war zwar äusserst talentiert, aber er gehört gleichzeitig zu den tragischen Nummern in der Geschichte der Mode. 
Man findet kaum Informationen, es gibt auch keine wirklich gute Aufarbeitung seines Lebenswerkes. Seine Kleider sind aber Legenden, nur eben geschäftstüchtig war er nicht. Mehrmals im Leben setzte er ein Geschäft in den Sand, machte aber kurz darauf ein Neues auf. Mal entwarf er für den 'Fashion Floor' von Elizabeth Arden und mal hatte er ein Hutgeschäft. Die Vogue nannte ihn aufgrund seiner unsteten Art den 'reisenden Designer'. Seine Kundinnen waren meist Amerikanerinnen, trugen Nachnamen wie Hearst oder Whitney. Und eben auch de Ménil. Seine schlimmsten Unarten waren, dass er a) Kleider grundsätzlich nicht zum vereinbarten Termin fertig bekam und b) sie später wieder zurückverlangte, um weiter daran zu arbeiten. Es entstanden dafür dann Kunstwerke, die aussehen wie Schmetterlinge, deren Flügel sich nach dem Schlüpfen noch nicht entfaltet haben oder ein Kleid aus goldenen Bändern, die sich fächerartig auftaten, wenn sich die Trägerin bewegte.
Aber hauptsächlich ging es um Kunst im Leben von Dominique, um viel Kunst. Rothko, Newman, Pollock, de Kooning; all die großen Namen wurden gesammelt und auch von Anfang an unterstützt. Mäzenatentum in bester Art und Weise war das. Um die 17.000 Werke aus allen Bereichen wurden so zusammengetragen, zumindest steht das so bei Wikipedia. Aber genauso wichtig wie die Kunst waren die Menschenrechte, auch hierfür setzten sich die de Ménil's ein. 1997 starb Dominique de Ménil im Alter von fast 90 Jahren. Ihr Ur-Enkel Dash war da 16 Jahre alt und schon fleißig dabei die Familie aufzumischen. 

Christophe de Ménil

Es muss wohl ein goldener Käfig gewesen sein, oder zumindest hatte Dash Snow wohl das Gefühl ausbrechen zu müssen. Mit 13 tat er es dann auch. Erst kam die Jugendstrafanstalt und dann lebte er auf der Straße. Die Einzige zu der er Kontakt hatte, war seine Großmutter Christophe. Die Befreiung von seinen familiären Wurzeln, und sicherlich auch von der Last, die es mit sich zu bringen scheint, wenn man ein Teil der de Ménil Familie ist und wahrscheinlich jeder Amerikaner zumindest mit Schlumberger etwas anfangen kann, war auch der Motor seiner Kunst; die Polaroids, deren eigentlicher Sinn darin bestand, die Exzesse zu dokumentieren, und die Collagen, die vom Papst bis hin zum mit Sperma beschmierten Saddam Hussein viele Abgründe zeigen. 
Seine Kunst war jenseits dessen was an Kunsthochschulen gelehrt wird, sie war freier und entstand aus dem Moment heraus. Seine Polaroids konnte er zumindest kaum planen. Irgendwo versteckt in seinem 'Hamsternest', zu bis obenhin, war nichts planbar. Alles war roh und klar und wild. 
Genau das wonach sich der Kunstmarkt und die Sammler die Finger lecken. Es ist immer das am anziehendsten, was am meisten vom eigenen Leben entfernt liegt. Snow gab Leuten die Möglichkeit zu träumen, sich in die Verwüstung hineinfallen zu lassen. "Er gibt ihr (seiner Kunst) ein magisches Leuchten des Wahnsinns – schön gerahmt und Gott sei Dank käuflich.", beschrieb es Ariel Levy in der Monopol 04/2007. Die Kunstagentin Molly Logan findet folgende Worte: " Was Dash macht, macht er nicht, um von den Leuten als verrückt gehalten zu werden – er ist verrückt." 2009, wenige Tage vor seinem 28. Geburtstag, starb er an einer Überdosis Heroin. 
Vielleicht hätte das, was er tat auch seiner Urgroßmutter gefallen. Ein Platz neben den Bildern eines Willem de Kooning oder eines Jackson Pollock wäre keine schlechte Idee gewesen. 

Sao Schlumberger neben ihrem Dalí

Dash war übrigens nicht der einzige aus dem Schlumberger Clan, der mit seiner Familie nichts mehr zu tun haben wollte. Auch Pierre ging es so. Sein Vater war Marcel Schlumberger, der andere Gründer des Imperiums. Nach dem zweiten Weltkrieg übernahm er von seinem Vater die Geschäfte, und erbte letztendlich nach 1953 seine Anteile. 
Nach dem Tod seiner ersten Frau und Depressionen heiratete er Maria da Daniz Converçao, genannt Sao, eine schöne, lebenshungrige Portugiesin mit Interesse an Kunst. Die Depressionen führten dazu, dass seine Mutter und seine Geschwister ihn als Aufsichtsratsvorsitzenden entmachteten und ihm damit den Stuhl vor die Tür setzten. Seine zur Exzentrik neigenden Ehefrau kam ihm da gerade recht, gab es doch für die feinen Schlumberger's und ihren gepflegten Protestantismus nichts schlimmeres als das zeigen von Reichtum und das Feiern chicer Party's (André Dunstetter; Vanity Fair, 2010). 
Die Schlumberger's zogen nach Paris, hatten Häuser in Portugal und waren natürlich auch auf dem amerikanischen Parkett recht umtriebig. Sao kaufte Kunst und Kleider. Den Braque hatte sie nicht nur an der Wand hängen, sondern trug ihn auch auf eine Jacke gestickt in Form von Couture von Yves Saint Laurent. 
Salvador Dalí verewigte sie sogar in einem Portrait, dass allerdings der Dalí'schen Kunst wenig gerecht wird. Eher sieht es eben nach dem aus was es ist, ein Societyportrait einer reichen Frau mit teurem Schmuck. Auch sie selbst war wenig von dem Bild angetan: "I was expecting a fantasy... but he did a classic." Aber wenn man nun schon mal einen Dalí hat, dann hängt man ihn auch auf. Sao tat dies gleich im Eingangsbereich ihres Pariser Appartements.
Andi Warhol gehörte natürlich auch zu ihren Freunden, und verewigte sie auch in einem seiner Werke. Nach Sao's Tod verkaufte ihre Tochter Victoire, das Verhältnis zwischen den beiden war wohl mehr als unterkühlt, den schrecklichen Dalí. Den Warhol behielt sie.
Pierre Schlumberger finanzierte den Luxus seiner Frau, er schien durchaus ein Faible für sie zu haben. Nach zwei Schlaganfällen tolerierte er sogar, dass sie sich einen Liebhaber hielt. Sao war seit der Heirat Thema in den Klatschspalten; ihre Bälle, die Häuser und die Kunst machten sie zu einer der Herrscherinnen der Pariser Gesellschaft. Für Pierre bestand wohl das größte Vergnügen darin seiner dezenten Familie richtig eins auszuwischen. 
Wer mehr über Sao lesen will, findet eine langes Portrait bei Vanity Fair und bei Horstson wird ihre Wohnung gezeigt, für Dash Snow empfehle ich einen sehr langen und sehr guten Artikel im New York Magazin. Wirklich spannende Geschichten verbergen sich hinter Fassade dieser europäisch-amerikanischen Dynastie!

Bilder von hier, hier, hier und hier

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