2015/03/01

Kino: Mr. Turner...

Das 19. Jahrhundert vermochte die Menschen wohl mehr zu beeindrucken, als jene vorher und auch die danach. Wie muss es gewesen sein als zum ersten Mal eine Eisenbahn das Land durchschnitt oder ein Dampfschiff das Flüsse und Meere durchpflügte? William Turner erlebte diese Neuerungen, die das Leben kolosal zu verändern vermochten und hielt sie auf Bildern fest, während seine Kollegen noch Seeschlachten mit vom Wind geblähten Segeln auf die Leinwand brachten. Turner fing die Magie der Natur ein, schemenhaft und hinter Dunstschleiern, und er hielt den Augenblick fest in leuchtenden Farben. 
Mike Leigh's Film, der mit 150 Minuten durchaus Länge hat, schafft es einen Maler und sein Werk zu portraitieren, dem eine Vorreiterrolle für nachfolgende Künstlergenerationen zugestanden werden muss. Vor allem aber zeigt er die Kraft von Turner's Bildern und erweckt sie auf der Kinoleinwand zum Leben. Der Zuschauer verliert sich in Sonnenuntergängen, leuchtenden Farben und in den Kulissen des Turner'schen Alltags. Ideales Sonntagskino!



2015/02/26

Ich Mag Das Neue Gucci-Girl...

Na eine wirklich Überraschung war die neue Gucci-Kollektion nun nicht gerade. Alessandro Michele zeigt eine Kollektion, die sich aus unterschiedlichsten Quellen speist, zitiert und teils sogar kopiert. Die Céline'schen Fellschuhe, Prada'scher Materialeklektizismus, MuiMiu'sche Mädchenhaftigkeit, Saint Laurent'scher LA-Rockchic... Und trotzdem mag ich die Frische und Unbedarftheit, das Exzentrische und Ungekünstelte. Und dann gibt es da noch diesen einen Pullover, der an Schönheit alles übertrifft, was in den letzten Tagen auf den Laufstegen zu sehen war!


2015/02/12

Der Spießer In Mir...

Gott, was habe ich mich doch gefreut, als heute endlich eine Spülmaschine in unserer Wohnung Einzug gehalten hat. Etwas mehr als zwei Jahre hat sich dieses Thema hingezogen, scheiterte an unserer Unentschlossenheit und an fehlendem Fachpersonal in den Geschäften, war aber mindestens jeden zweiten Tag auf dem Tablett und ganz oben auf der To-Do-Liste. Nun steht der Traum in Weiß!, mit Energiesparklasse A+++ und natürlich einen Wasserverauch in Schnapsglasgröße! Funktionieren tut sie noch nicht, der für die Wasserversorgung zuständige Hahn ist defekt und der Klempner kann erst morgen kommen. Doch dies kleine Detail ist egal, angebetet wurde das Gerät schon ausgiebigst. 
Warum ich dieses Anekdötchen überhaupt hier schreibe? Es passt so wunderbar und führt mir meine eigene Speißigkeit wunderbar vor Augen. Als ich am Dienstag freudig aus der Mittagspause zurück zur Arbeit kam und einer lieben Kollegin und Freundin von meinem Kauf erzählte, begann sie lauthals zu lachen und als sie nach zehn Minuten wieder halbwegs atmen konnt, war die erste Frage: "Willst du die für die nächsten 35 Jahre haben? Miele kaufen nur ältere Leute!" Ja, mein Spießerherz machte Freundensprünge im Fachgeschäft beim Kauf dieses langlebigen Haushaltsgerätes; die Vorstellung über Jahre dieses Thema aus dem Kopf zu haben befriedig meine Spießerseele ungemein.
Neben der Vorfreude auf meine neue Spülmaschine, flatterte gestern aber noch ein Paket ins Haus mit viel neuer Lektüre. Unter anderem dabei das bei Tropen erschienenen (Selbst)Erkennungsbuch 'Der Moderne Spießer' von Charlotte Förster und Justus Loring. Auch wenn ich das Kapitel über die Anschaffung von Haushaltsgroßgeräten noch nicht gefunden habe, konnte ich mich doch recht schnell wiederfinden, und eigentlich auch jeden Menschen in meinem Umfeld. Auf charmant komische Art und Weise werden unsere Alltagsmanierismen auseinandergenommen und uns der Spiegel vorgehalten. Natürlich werde ich mich auch beim nächsten Manufactum-Einkauf wieder tagelang über die Schönheit der neuen Butterdose auslassen oder den Kupfertopfkratzer wärmstens weiterempfehlen, weil man das von solcher Qualität und Effizienz im nahegelegenen Drogeriediscounter ganz sicher nicht findet. Aber ich werde mir auch, nicht das es nicht vorher schon gewußt hätte, der Lächerlichkeit solcher Unterhaltungen bewußt sein. 
Das beste an dem Buch ist ja, dass man sich bestenfalls darin erkennt und einem klar ist, wie spießig nun einmal unser aller Alltag ist. Daran lässt sich eigentlich auch nichts drehen, sogern man es vielleicht anders hätte. Schlimm nur, wenn man sich die eigene Spießigkeit nicht eingestehen will, denn gerade dann kommen all die Plattitüden zum Vorschein, die den Spießer entlarven. 
Was aber im Buch fehlt sind die schlimmsten aller Spießer: die Schwulen. Schließlich sind wir es doch die genau wissen welche Marke nicht nur das Geschirr sauber zu spülen vermag, sondern sich dann auch noch gut im Portfolio macht. Oder wo bei Manufactum die Verbenehandseife in der Nachfüllgröße steht. Kosmetikartikel, natürlich Natur und Bio und Fair, werden vor dem Kauf dahingegehend geprüft ob sich die Etiketten auch ohne Rückstände von der Flasche lösen lassen und zum Einkaufen hat man immer je nach Menge einen Jutebeutel oder eine Ikeatüte dabei. 
Das Buch macht Spass und sieht gut aus, passt perfekt ins Bücherregal neben die Werke von Axel Hacke und Bastian Sick, den Travelguide mit den 20 schönsten Designhotels Lettlands und die Domus-Reihe, die sich so dekorativ im Regal macht...

Der Moderne Spießer 

2014, 176 Seiten
ISBN: 978-3-6085-0320-3
Preis: 14,95

Freundlicherweise zur Rezension zur Verfügung gestellt von Tropen (Klett-Cotta)

2015/02/05

Mailorder...

Nicht erst bis zum Herbst warten wollte ich damit eine Jogginghose aus Leder zu tragen, sondern schon im Frühling... Vor Frühling... Jetzt! Eingetroffen ist das Teil noch nicht, der Händler verspricht aber es innerhalb von drei Tagen zu schaffen und somit meine Ungeduld nicht ungebührlich lange strapazieren. Morgen muss es soweit sein, dann sehe ich wie ich darin aussehe. Und ob es überhaupt aussieht. Bei Dior Homme trägt mans zur Jeanshemdjacke, reingesteckt. Ich habe vor einen schlichten schwarzen Kaschmirpulli dazuzutragen. Will es ja nun nicht übertreiben. Und wie Fetisch soll es auch nicht wirken, bloß nicht!

Nachtrag: Angekommen. Für blöb befunden, weil keine passenden Schuhe im Schuhschrank zu finden sind. Zurück an Absender!

Bildquelle: Style.com

Prachtboulevard: Ringstraße, Wien...

"Bei prosaischen Gelegenheiten setzte der Ring jedoch ein ganz anderes Gesicht auf. Wenn meine Mutter mich zum Einkaufen in die Innere Stadt mitnahm, überquerten wir die breite Allee recht hastig. Die große Weite, die aufgeblähten Silhouetten reduzierten uns zu Zwergen. Die monumentalen Gesten, die uns umgaben, beflügelten die Seele nicht; sie warfen einschüchternde Schatten." Frederic Morton, aufgewachsen und hineingewaschen in ein Wien zwischen Kaiserreich und Republik, beschreibt in einem seiner Essays, wie die Ringstraße immer Teil seiner Wienwahrnehmung war.
Die große Schneiße, die ab den 1860-er Jahren an Stelle der alten Stadtmauer geplant wurde und zu einem Prachtboulevard umgebaut wurde, trennte die Inneren Stadt mit ihren Gassen und Barockfassaden von den Wohnbezirken, die sich im Zuge zunehmender Industralisierung entwickelten und Wien zu einer Metropole werden liesen. Die Ringstrasse wurde zum Symbol der Gründerzeit, war Flaniermeile und Theaterbühne für die Gesellschaft der K.u.K.Monarchie; war eine Sonntagsstrasse für ein wachsendes, bürgerliches Selbstbewußtsein. Größer, schöner und für Riesen gemacht.
Kaiser Franz-Josef I. veranlasste 1857 die Stadtmauer zu schlefen und die Befestigungsgräben zuzuschütten. Das neue Areal wurde ausgeschrieben und in Parzellen auch an private Investoren verkauft um die geplanten Repräsentationsbauten, die heute zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten Wiens gehören zu finanzieren. Mitglieder des Kaiserhauses und der hoffähigen, adligen Familien sollte an der Ringstrasse Grundstücke erwerben um als Beispiel voranzugehen und den Baugrund auch für ein aufstrebendes Bürgertum interessant zu machen. Doch nur wenige Erzherzöge und Adlige liesen Palais errichten, zumeist hatten sie bereits ererbte Stadtresidenzen in der Inneren Stadt oder aber wie zum Beispiel die Familien Schwarzenberg und Hohenlohe-Schillingsfürst großzügige Palais mit weitläufigen Parks, die attraktiver und repräsentativer waren als ein Haus an der Ringstrasse hat sein können. Zu dem verfügten nur wenige Familien über ausreichend Kapital, da ihr Vermögen an weitreichenden Länderreien in den Kronländer gebunden war.
Die Ringstrasse entwickelte sich zur Spielwiese der Zweiten Gesellschaft Wiens, des Geldadels. Zwar konnten durchaus Titel wie Ritter, Freiherr oder Baron vorgewiesen werden, die zur Hoffähigkeit notwendigen 16 hochadligen Vorfahren fehlten jedoch um in den Kreis der Ersten Gesellschaft aufgenommen zu werden. Man baute als Legetimation und um die Standesdünkel zu vertuschen. Wenn man schon nicht bei Hofe eingeladen wurde, so war man doch zumindest Teil der Ringstrassengesellschaft und selbst der Kaiser konnte nicht umhin die neue Gesellschaftsordnung wahrzunehmen.
Eine Welt im Kleinen stellte so mancher Wohnpalast dar, waren Mietskasernen mit Schaufassaden. Unter einem Dach konnten sich elegante Ladenlokale, reiche Bankiers, hoher Adel, Beamte, Künstler und Arbeiter zusammenfinden, ohne das ihre Welten sich überschnitten. Verschiedene Stiegenhäuser sorgten für Trennung und trotzdem wirkte allein die Adresse 'Ringstrasse' erhebend, selbst wenn man nur ein Mansardenzimmer sein Eigen nennen konnte. 
1865 wurde im Beisein des Kaiserpaares die Ringstrasse feierlich eröffnet, auch wenn bis dahin nur wenig wirklich bebaut war und weitestgehend noch brachliegende Baulöcher klafften. Die Pracht war schon zu erahnen in den Folgejahren wuchs die Stadt auch in die Höhe. Nun feiert die Wiener Ringstrasse ihren 150. Geburtstag und neben zahlreichen Ausstellung in Wien widmet Hatje Cantz dem Prachtboulevard einen würdigen Bildband.

Die Wiener Ringstraße

2014. 264 Seiten, 280 Abb.
30,30 x 32,60 cm

ISBN 978-3-7757-3772-2
Preis: 58€

Vielen Dank an Hatje Cantz für das Rezensionsexemplar.

2015/02/01

Kunstmesse Frankfurt...

Ganz hinten in der Halle 1.2 hatte sich die größte, schönste und sicherlich am wenigsten erreichbare Arbeit versteckt: ein Werk von Anselm Reyle, mitgebracht von der Münchner Galerie Kronsbein. Ansonsten gab es ein Bild von Daniel Richter, gefangen in einem wahnsinnig hässlichen Rahmen, die Life-Ball-Skandal-Plakate von David Lachapelle, viel asiatische Kunst und vor allem reichlich Vertreter des Sekundärmarktes. Die erste Kunstmesse Frankfurt war überschaubar, etwas unkoordiniert und wurde von den deutschen Galerien ganz augenscheinlich weitgehend ignoriert, von den internationalen Namen ganz zu schweigen. 
Schade eigentlich, schließlich ist das Rhein-Main-Gebiet nicht gerade die ärmste Gegend Deutschlands und die Örtchen im Dreieck Frankfurt, Wiesbaden und Mainz können durchaus mit dem ein oder anderen Sammlerhaushalt aufwarten. Doch Köln ist nicht weit, Basel ebensowenig, und Karlsruhe gewinnt auch immer mehr an Bedeutung. Braucht es da überhaupt eine weitere Messe für Kunst?
"Das wichtigste an der Messe ist, dass sie stattfindet.", so Jean-Christoph Ammann, eines der Mitglieder des prominent besetzten Messe-Beirates. Und eigentlich ist es eine Pflicht für das ansässigen, kunstinteressierten Publikum nun die Messe zu besuchen. Zeitverschwendung ist es keine, eher eine Möglichkeit den Kunststandort Frankfurt zu stärken. Auch wenn bislang von einem wirklichen Messekonzept noch gar keine Rede sein kann, bestehen Möglichkeiten zur Entwicklung einer eigenen Identität.
Der Kunsthandel erkannte bereits Chancen und nutzte die Messe als Plattform um Werke zu zeigen und Objekte zu präsentieren. Wer eine Botero-Plastik suchte, wurde genauso fündig wie Liebhaber von Goya-Grafiken, und die obligatorischen Warhols waren natürlich auch dabei. Selbst Oldtimern, historischen Möbeln und Kunsthandwerk wurde Raum gegeben. Für das nächste Jahr wünsche ich mir dann noch ein bisschen mehr junge Kunst, aufregendes Zeitgenössisches....

2015/01/29

Bücher Im Januar...

'Die Unvollendete' von Kate Atkinson* ist eines dieser Bücher, die man anfängt und sich fortwährend fragt warum eigentlich weiterliest. Dann aber, schon in der Mitte des Buches angelangt, auch nicht mehr aufhören möchte. Es ist eine skurrile Geschichte über ein Mädchen, dass immer recht knapp an durchaus lebensgefährlichen Situationen vorbeischrappt (Oder sie sogar?), sei es weil sich die Nabelschnur bei der Geburt ungünstig um den Hals gewickelt hat oder aber weil der größere Bruder sie einfach mal recht unbedarft unter einen Laubhaufen begräbt, so dass das Baby fast erstickt...
Ein Buch, dass sich vor allem als Urlaubslektüre lohnt und lange Sonnentage am Strand, oder aber Winterabende am Kamin, schnell vergehen lässt.

Auf den Spuren Franz Hessel's durch ein vergangenes Berlin zu wandeln, die Menschen einer anderen Epoche zu betrachten, ist ein großes Vergnügen. Man wird zum Flaneur und kann sich in der Kunst des Spazierengehens üben ohne auch nur einen Schritt vor die Haustür machen zu müssen.

Ebenso beschreibt Joseph Roth seine Stadt. Michael Bienert hat in verschiedenen Zeitungen Berichte zusammengefasst, die das Berlin der Weimaer Republick aus dem Blickwinkels des großen Wiener Literaten berschreiben, der zwischen 1923 und 1933 immer wieder in Berlin weilte. Als Journalis pflegte er seine Tage in Kaffeehäusern und in Gerichtssälen zu verbringen und war vor allem ein genauer Beobachter und Chronist des Zeitgeschehens.

Aktuell: Ich habe mal wieder meine Bücherregal etwas durchforstet und einige Titel bei Ebay eingestellt!

*Freundlicherweise vom Verlag zur Rezension zur Verfügung gestellt.

2015/01/20

Gucci...

Angenommen Frida Giannini wäre nun nicht schon letzte Woche bei Gucci ausgestiegen, sondern wie ürsprünglich geplant erst nach der Modenschau für die Damenkollektion, wie hätte wohl die Kollektion ausgesehen, die gestern in Mailand auf den Laufsteg gebracht wurde? Egal, Frida ist weg und innerhalb von nur fünf Tagen (Gern erwähnt in allen Kollektionsbesprechungen und vielleicht als ein entschuldigendes Argument zu werten!?) hat der noch nicht ganz designierte Nachfolger Alessandro Michele eine Kollektion auf die Beine gestellt, die zumindest das bisherige Gucci-Bild über den Haufen zu werfen vermag: Sluppenblusen, Tapetenmuster aus den 1970-ern und kecke Baskenmützen sind kaum noch mit der bisherigen Glamrockallure in Einklang zu bringen, für die Gucci unter Giannini's Agide stand. 
Keine Gedanken scheint man sich darüber gemacht zu haben ob es der Kundschaft gefallen wird, was ihr da vorgesetzt wird. Männerbilder gilt es zu überdenken, wenn man als ganzer Kerl im Spitzenlaibchen seinen Mann stehen muss. Will!? Man muss sich seiner selbst schon bewußt sein und durchaus auch stoisch genug durchs Leben gehen, um die, diese Looks kaum verstehende, Realwelt im richtigen Moment ausblenden zu können.
Aber ich wollte ja nur noch über Mode schreiben, wenn diese nicht einfach nur Kleidung ist. Das neue Gucci, egal wieviele Saisons die Marke diesen Weg wirklich einzuschlagen bereit ist, ist so gestrickt und zusammengefügt, dass aus den bekannten Versatzstücken (Leder, Loafer, Horsebit, etc....) ein Look entsteht, die nicht wieder nur den bekannten JetSetGlamour rund um Alain Delon aufwärmt. Stattdessen kommt eine Happie-Allure zum tragen, die das Label durchaus gut in die Leitbilder anderer Marken einreihen kann und obwohl ersteinmal Saint Laurent'sche Ideen und Prada'sche Motive adaptiert werden, einen Weg in die Zukunft bereiten kann. 
Gucci beweißt endlich mal wieder Mut, statt immer nur mit angezogener Handbremse das Archiv aufzubereiten. 
Tschüß Frida! Hallo Alessandro!

Nachtrag 21.01.: Alessandro Michele wurde nun offiziell als Creative Director bestättigt, alle freuen sich nun riesig bei Gucci und bei Kering...

Bildquelle: Style.com