2011/07/01

Kollektionskritik 2.0...


Gerade eben haben wir die Männerschauen hinter uns gebracht, unzählige Kollektionen wurden gezeigt und größtenteils auch schon abgeurteilt. Nie war Kritik an Mode so schnell und auch so weitreichend wie heute. Nie waren Kollektionen schneller in den Himmel gelobt...
Eigentlich hatte ich vor nach den Schauen eine Top- und Flop-Liste zu erstellen, Favoriten vorzustellen und Andere, deren Sachen mir nicht so wirklich zusagten, in den Boden zu stampfen. Doch bei längerer Betrachtung und dem Lesen bereits hier und andernorts veröffentlichter Kritiken habe ich festgestellt, dass es so einfach doch nicht ist. Vor allem neigt man als Kommentator dazu ein Werturteil über einen Kollektion abzugeben, ohne sich aber tiefgreifend damit beschäftigt haben zu können.
Eine schwarze Hose ist eine schwarze Hose, da kann man auf den ersten Blick nicht viel zu schreiben. Ob diese gut oder schlecht ist, kann erst der spätere Träger entscheiden, da das Design unweigerlich hinter die Funktionalität tritt sobald sie sich vom virtuellen Objekt, das in der perfekt inszenierten Realität der Modenschau existiert, in etwas vollkommen Reales verwandelt, etwas das in das Leben eines Menschen eintritt, der sich bewusst für oder gegen einen Kauf entscheidet. Kaum aber wird sie symbolisch aufgeladen sein, zumindest dann nicht wenn sie schwarz und schmal daherkommt und klar ersichtlich hinter die anderen Teile der Kollektion zurückzutreten hat, um diese in den Vordergrund zu stellen. So konnte man es deutlich in der Kollektion von Raf Simons sehen; wichtig waren die Mäntel, die Jacken, die Tops, nicht aber die schwarze, schmale Hose, die zu jedem Outfit gezeigt wurde.


Anders sieht es hingegen mit den kleider- und rockähnlichen Outfits bei Rick Owens aus, hierzu hatte ganz augenscheinlich jeder eine Meinung. Die einen definierten es als das Neue schlechthin und für den weitaus größeren Teil ist es nicht nur persönlich indiskutable Bekleidung, sondern zukünftige Träger werden als Fashion Victims schlimmster Sorte abgeurteilt. Dabei ist Owens nur der radikalste unter denen, die im Rock das männliche Bekleidungsstück der Zukunft sehen. Givenchy zeigt seine abgewandelten Schottenröcke schon seit mehreren Saisons und die Japaner haben sowieso eine völlig unbefangene Haltung diesbezüglich. Und dann ist da ja noch der Rockträger des neuen Jahrzehnts: Marc Jacobs.
In den 1980-ern kam der Trend zum ersten Mal auf, Jean Paul Gaultier wird immer mit Männerröcken in Verbindung gebracht. In den 90-ern kam dann die Love Parade und der Rock wurde bei den Techno-Pilgern genauso Bestandteil der Alltagskleidung, wie bei den Gothic-Fans. Nun taucht er wieder auf, wird sicherlich wieder kein Massentrend und löst noch immer die Selben Reaktionen aus, von Unverständnis bis hin zu tief sitzender Abneigung ist alles dabei.
Gerne angeführt wird, dass es sich um Show-Stopper handelt, die es nie in Produktion schaffen. Doch eigentlich greift genau hier Mode an, schließlich ist Mode nicht das was eh schon alle tragen und sich im kollektiven Verständnis manifestiert hat, sondern das was im ersten Moment verstört und nur von einer kleiner Gruppe als Zeichen des Anderseins aufgenommen wird. Erst nach Jahren schafft es diese Kleidung den Massenmarkt zu erreichen, wenn überhaupt. Und trotzdem ist sie am Ende mehr Mode und Zeitgeist als eine schmale schwarze, vielleicht sehr gut sitzende Hose.
Worüber sich aber keiner Gedanken macht ist ein anderes Phänomen, das in meinen Augen mit den Owens’schen Kreationen einen Höhepunkt erreicht. Im Grunde liefert er nämlich die Bekleidung für den 'modernen' Mann. Was als urbaner Krieger und unantastbarer Mönch verkleidet daherkommt, könnte auch gut das Heimchen am Herd sein, in einer ähnlichen Zwangsjacke gefangen, wie die Frauen am Ende des 19. Jahrhunderts. Nicht nur das Korsett fesselte die Frau, auch die teils überbodenlangen Röcke hinderten sie daran sich frei zu bewegen. Und nun sind Männer endlich soweit 'emanzipiert', dass die sich in diese Fesseln begeben, während die meisten Frauen schon längst die Hosen anhaben. Yves Saint Laurent brachte den Frauen den Tuxedo, Owens liefert nun das passende lange Kleid für den Mann...


Doch es bietet sich auch noch eine dritte Möglichkeit. Wir lösen uns von allen bisherigen Vorstellen von Bekleidung und betrachten alles aus einer neutralen Perspektive heraus. Wir lösen die Vorstellungen von männlich und weiblich auf, und lassen auch die dem jeweiligen Geschlecht bisher zugeteilten Bekleidungen neutral werden. Das Byzanz des 5. bis 10. Jahrhundert könnte Vorbild sein.
Modekritik sollte neu definiert werden, vielleicht in dem Schreiber eine klare Position einnimmt und mitteilt was seine Perspektive ist. Die könnte zum Beispiel die Sicht eines Retailers oder des Endverbrauchers sein, oder aber die von jemanden der Mode als Kunst bewertet und dem es auch möglich ist sie in einem historischen Kontext zu verankern. Oder aber sie kann nach ästhetischen Massstäben stattfinden, vielleicht sogar ausgehend vom eigenen Körper und dem Wissen darum ob man etwas tragen kann oder nicht.
Aus der Sicht des Retailers würde ich die langen Röcke und Kleider als Ladenhüter betrachten, wenn mein Laden nicht ausgerechnet der Inbegriff des Avantgarde-Designs und Anlaufstelle für alle deutschen Owens-Jünger ist. Als Modehistoriker würde ich die owens'sche Kollektion in einem Manifest feiern und in ihr einen ähnlich visionären Geist feiern, wie in André Currèges, Paco Rabanne und Pierre Cardin in den 1960-ern in die Welt brachten. Würde mir das Vergnügen obliegen eine Sammlung von bahnbrechender Mode betreuen zu dürfen, würde ich diese Kollektion zumindest in weiten Teilen ankaufen und als eine Vision neuer Männermode für zukünftige Generationen bewahren wollen. Und als Kunde üben die Kleidern dahingehend einen Reiz aus, als das ich zumindest einen Tag lang in ihnen verbringen wollen würde. Ich würde offen meinen Umwelt und mich selbst beobachten wollen, nur um zu schauen wie es sich anfühlt und darin lebt. Denn Momentan kann ich sie nicht in meine Lebenswelt transportieren, da man weder zwei Stufen auf einmal nehmen kann ohne die Röcke zu raffen, noch irgendwie undramatisch ins Auto steigen kann. Und was gibt es könnte ich über eine schwarze Hose schreiben?

Bilder von Rick Owens, Raf Simons und Givenchy via Style.com

Kommentare:

  1. guter Artikel, trotzdem bin ich da ganz anderer Meinung was Owens betrifft. Ein Designer entwirft eine Kollektion um sie auch zu verkaufen und nicht in der Hoffnung, von irgend jemand als Museumsstück angekauft zu werden.
    Siegmar

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  2. Genau deshalb habe ich ja die unterschiedlichen Perspektiven versucht hervorzuheben.
    Aber warum muss ein Label immer nach dem Markt arbeiten? Genau deshalb ist die heutige Mode doch so langweilig, bzw. gar nicht mehr existent.

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  3. Lieber René,

    der Artikel ist wirklich gut, du gehst aber trotzdem von deinen rein subjektiven Annahmen aus, lässt dich von deiner Affinität zu den von dir exemplarisch erwähnten Kollektionen leiten ........ mit dem Markt, auf den alle Designer - auch mit den Mitteln ihrer Kreativität und Ihrer Sicht auf den neuen Mann - zugehen müssen, hat das was du schreibst nur am Rande zu tun; was nicht schlimm ist, wenn du dir die Freiheit nimmst, für dich und deine Auffassung von originären Kollektionen zu bestimmen, dass der Verkauf schließlich nicht so wichtig ist. Aber in der wirklichen Welt gibt es Männer mit unterschiedlichen Motiven und einem verschieden ausgeprägten Interesse an Trends und der Zurschaustellung von modischer Attitüde. Einkäufer wissen über diese Motive gut Bescheid und wären ja blöd, wenn sie gute radikale Teile, die Männern gewünscht sind, nicht ordern würden. So bleibt nach deiner Theorie also nur noch: Dass Männer zu wenig Geschmack haben, um den Genius, der in ärmellosen Pullundern mit Hawaiiblumenranken zum Preis von tausend Euro stecken könnte, erkennen zu können .... vielleicht klappt es ja mit einem ärmellosen Harnisch in Orange aus einem nicht näher definierten Kunststoffmaterial.

    Und das, was du da über die Kollektion von Rick Owens und den Designer schreibst, verstehe ich überhaupt nicht. Das ist doch ein ganz alter Hut, teilweise neu interpretiert, nichts, was von Owens neu erfunden wurde. Da war das viel besser und radikaler, womit jeder zehnte Mann in Paris vor zwanzig Jahren im achten Arrondisement um die Ecke kam. Egal ob von Gaultier, Yamamoto, Comme des Garcons oder Issey Miyake.

    Ganz allgemein: So wenig, wie diesmal, wurde wahrscheinlich noch nie an Berichten über einzelne Kollektionen der Männerschauen geschrieben. Auch du hattest ganz offenbar nicht die Zeit, Texte zu vielen Kollektionen zu verfassen.

    Ich habe mir die Mühe gemacht, siebzehn wie immer viel zu lange Berichte zu verfassen, von denen drei noch nicht erschienen sind. Und, ich schreibe auch dann gut über eine gute Kollektion, wenn sie nicht meiner Präferenz bei Männermode entspricht.

    Es ist relativ einfach, sich deine Gedanken zu kritischen Äußerungen wie meinen Berichten zu Simons und Owens gemacht zu haben, die du hier wieder sehr eloquent zum besten gegeben hast, wenn dein Blatt Papier zu den Kollektionen im Vergleich zu früher diesmal relativ weiß blieb. Oder irre ich mich da auch?

    Lieben Gruß

    Daisy

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  4. Liebe Daisy,

    du beziehst etwas auf dich, was nur am Rande mit dir und deinen Bereichten zu tun hatte. Es ist ein allgemeiner Post, bei dem deine Arbeit nicht weniger oder mehr von Bedeutung ist als die vieler anderer Blogger auch! Eine Affinität zu Simons und Owens ist ausserhalb dieses Posts nicht wirklich sichtbar, weder im Blog noch an mir selbst. Es sind aber tatsächlich zwei exemplarische Beispiele und für sie erschienen mir für den Post passend.
    Modekritik kann nur subjektiv sein, weil sie immer von einem persönlichen Standpunkt aus bewertet. Aber sie kann im nachhinein objektiv Erfolg und Relevanz bewerten, nur findet diese Art der Modekritik nicht auf Blogs statt, bzw. nur selten.
    Deine Unterstellung ich würde Männern zu wenig Geschmack unterstellen, emfinde ich persönlich als beleidigend und werfe gleich den Ball zurück: Warum bewertest du nur als gelungen, was den Massenmarkt bedient und nach deinen Massstäben ästhetisch ist? Ausserdem hat es in Bezug auf diesen Post keine Relevanz ob du 17 oder 25 Berichte schreibst. Dein Fleiß in allen Ehren, aber interessant ist das nicht wirklich.
    Richtig liegst zumindest damit, dass es zu vielen Kollektionen wenig Text gab. Es ging darum eine handvoll für mich relevanter Looks herauszusuchen und noch ein paar Zeilen dazu zu schreiben, Notizen für mich selbst und den ein oder anderen der es liest. Einziger Gesichtspunkt war, was ich davon tragen würde und was nicht. Das ist eben auch einer der Standpunkte, die im Text aufgezählt werden, meine Sichtweise als Konsument und nicht als Einkäufer oder sonstwer. (Die Blumenranken wurden übrigens im entsprechenden Post nicht gezeigt, einzig Karos in Grün.)

    R.

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  5. Lieber René,

    naturgemäß wollte ich dich mit meinem Versuch einer Schlußfolgerung aus deinen Ausführungen nicht beleidigen. Ich verstehe auch ehrlich gesagt nicht, weshalb du so an den beiden Kollektionen hängst bzw. an deren Qualität festhältst ... aber warum auch nicht. Du denkst da eben anders darüber, als ich.

    Sicher ist die Zahl meiner Berichte nicht wirklich wichtig für die Welt. Ich hatte das nur erwähnt, da ich sehr viel Zeit und Sorgfalt in die Sichtung der Kollektionen gesteckt hatte... und daher auch viel später mit den Berichten rauskam als du und Andere... dies sicher nicht, um mich in irgendeiner Weise zu beweihräuchern.... mich aber ganz klar davon abzugrenzen, zu denen gehören zu sollen, die möglicherweise unüberlegt Gutes abwatschen.

    Woran machst du das bitte fest, dass ich nur gut bewerte, was den Massenmarkt bedient und ich ästhetisch gelungen finde?

    Dazu kann ich dir nur sagen: Du musst selbst in Berlin lange suchen, um jemand zu finden, der so große Freude an ungesehen Kombinationen und Enzelteilen hat. Drum sind mir ja fast alle BloggerInnen zu langweilig und spiessig angezogen..... Ich bin das genaue Gegenteil von dem, was du über mich denkst. Aber ich getraue mich auch, eine solide klassische und gute Kollektion wie Hermès gut zu kritisiern und eine ausnahmsweise mal nicht so gelungene Kollektion von Raf Simons als solche darzustellen ......

    Die Qualität von Kollektionen ist weitgehend objektivierbar. Modejounalisten können mit ihrem Urteil ja auch nicht warten, wie sich die Kollektion verkauft hat...

    Lieber Gruß

    Daisy

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