2011/03/08

Paris Woman HW-2011: Wunderkind...


Oh man, als ich am 20. Oktober 2009 meine Lieblingslooks von Wunderkind zusammengestellt und veröffentlicht habe, war dies als Reminiszenz gedacht. Nun sieht es aus, als wäre es bereits ein verfrühter Abgesang auf eine Label gewesen, dass noch bevor es wirklich in die Pubertät gekommen ist, schon wieder zu Grabe getragen wird. Wenn man dem Artikel im Tagesspiegel glauben darf, gibt es noch Hoffnung. Wolfgang Joop hat neue Investoren und möchte seine Anteile von den Sanders zurückkaufen. Danach soll es dann auch wieder eine Show geben, im Herbst in Paris. Ein am Samstag erschienener Artikel bei Spiegel Online sieht die Sache weniger goldig, und trotz bildhafter Sprache malen sie die Zukunft draußen an See recht düster.
Und da dachte man schon Paris sei Ort der schillernden Dramen. Der nicht ganz geklärte Abgang von Carine Roitfeld und der berechtigte Rauswurf John Gallianos haben die Saison eingeleitet. Und wenn schon Joop nicht in Paris zeigen kann, so spielt er doch wenigstens in heimischen Medien ordentlich mit. Unter seinen noch verbleibenden Mitarbeitern, ein halbes Dutzend laut Spiegel, scheint aber niemand zu sein, der sich im die PR kümmert. Dabei bräuchte Joop nichts dringender als einen PR-Berater, jemanden der in davon abhält noch Öl ins Feuer zu gießen oder zumindest Joop vor Journalisten schützt.
Auch Familie Sander, die zu Unrecht als Damstädter Spießbürger abgetanen Investoren, meldet sich endlich zu Wort. "Den Ausflug ins Modegeschäft haben wir an der Seite von Wolfgang Joop als sehr spannend, abwechslungsreich, aber auch als sehr anstrengend empfunden.", so Hans-Joachim Sander. Mit der Zeit kam die Ernüchterung, eine hübsche Villa und viel Kaschmir und Seide sind nur der Rahmen, das Dahinter ist entscheidend. Wie ich schon vor ein paar Wochen geschrieben habe, waren viele Fehler sichtbar und sie hätten nur hinschauen müssen. "Aber wir haben immer noch gehofft.", so Sander gegenüber Spiegel. Nun, selbst wenn man mittendrin wohnt, kann man nichts mitbekommen. Joop kommt nun zu der Erkenntnis, dass "Eins der wirklich großen Probleme (war) die Kommunikation." war. Oder eine Sprachbarriere? Dem Joop'schen Kauderwelsch über Gärten in Portugal, Nomandinnen oder 'Il Conformista' und Wanderlust konnten Sanders wohl nicht folgen und Joop hatte keinen Duden zur Hand, wenn es um Renditen und Umsätze ging.
Für Sanders zumindest ist das schöne Wunderkind 'gestorben', Wiederbelebung/Grablegung haben sie an Clemens Vedder übertragen, einen Finanzinvestor mit den Willen Geld zu verdienen. Noch bevor der den Besen zur Hand nimmt, hat er schon die richtigen Einsichten und formuliert sie in einer Sprache die Joop vielleicht besser versteht: "Der '(Saft-?) Laden' Wunderkind sei 'mit Vollgas gegen die Wand gefahren' worden. Die Perspektiven seien 'mehr als vernichtend'. Dank 'ungezügelten Hofschranzengehabes', 'offenkundiger Inkompetenz' und 'hoch bezahlter Laienberater' seien 'bisher ca. 60 Millionen Euro von wem auch immer verbraten'" Mir persönliche gefällt aber dieser Satz von Vedder noch besser: „Die Heinis müssen verschwinden - alle.“
Es ist offen wie die Sache ausgeht, noch hat Joop die Möglichkeit von seinem Vorkaufsrecht gebrauch zu machen. Dazu muss er um die drei Millionen locker machen, hat dann aber seine Firma wieder. Doch dies scheint weniger einfach zu sein als gedacht, denn auch Gerüchte angeblich pleite zu sein, machen laut Tagesspiegel die Runde. Sie werden aber von Edwin Lemberg, Joops Partner/Sprecher, dementiert. Es ist auch schlecht vorstellbar, schließlich beackert Joop ja auch weiterhin seine anderen Baustellen.
Die Geschichte wird weitergehen, das zumindest ist sicher. Vielleicht geht es auch mit Wunderkind weiter, das wäre die beste Nachricht von allen. Ich würde mich freuen statt fünf schwarzer Bilder wieder eine wunderschöne Kollektion mit einer tollen Geschichte vorstellen zu dürfen. Und gerne frei von Dramen!






Der Post setzt sich übrigens aus den Nachrichten der letzten Tage in den genannten Zeitungen bzw. Websites, sowie eigener Meinung und eigenen Eindrücken zusammen. Ich habe nicht bei Wunderkind nachgefragt, gehe aber auch nicht davon aus, dass ich eine Antwort bekommen hätte. Sofern jemand das Bedürfnis hat mich auf Grund des Artikels anzurufen, wäre es nett, dies zwischen 9 und 20 Uhr zu tun, nicht wieder um 22:40 Uhr.

Kommentare:

  1. Artikel gefällt mir sehr, mir tut es leid um Wunderkind, natürlich ist Wolfgang Joop abgehoben, aber auf sympathische Weise. Ich liebe den Blick auf die Villa am Heiligen See
    siegmar

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  2. Lieber René,

    Sehr gut gedacht und geschrieben, wie immer ...das mit den Heinis unterhält mich auch sehr gut und die PR ist auch für mich eine der ganz großen Schwachstellen.

    Wie konnte das passieren, dass Wolfgang Joop und Wunderkind nun so dastehen ... in jeder erdenklichen Hinsicht ....

    Herrlich auch der letzte Absatz...

    Danke und liebe Grüße

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