2010/08/23

Ein Leben In Düften: Marcus Luft...

Text Marcus Luft

Ich muss zugeben, dass Düfte in meinem Leben eine nicht so große Rolle spielen wie für viele andere. Das Posing „Ich habe da ein ganz besonderes Wässerchen, welches von adligen Französinnen in einem kleinen Kloster nach Jahrtausender alter Rezeptur hergestellt wird“ ist mir fremd. Ich finde es geradezu albern. Stil hat etwas mit Selbstverständlichkeit zu tun. Das gilt eben für Bekleidung genauso wie für einen Duft.
Oft vergesse ich auch, morgens einen Duft aufzusprühen. Obwohl ich bei anderen sehr wohl schätze, wenn sie gut, also außergewöhnlich, riechen. Faszinierend finde ich, dass selbst der belangloseste Duft es schafft, Erinnerungen an einen Moment oder eine Person hervorzurufen. Und da ich genau das natürlich auch bei mir erreichen möchte, nehme ich mir in dieser Sekunde vor, wieder mehr auf mein Eau de Toilette zu achten…


Aigner "Real Life" – Ob dieser Duft mein Erster war, weiß ich nicht mehr. In jedem Fall fällt er mir spontan ein. Ich war geschätzte 14 und in der, nennen wir es, Findungsphase. Als verwöhntes Einzelkind trug ich knallbunte Marco Polo Sweater oder sehr viel Indio-Strick von Benetton. Im Nachhinein ist mir klar, dass man mich einfach hassen musste… In diesen Zeiten also bummelte ich, wie an jedem langen Samstag (für die Jüngeren: Früher hatten an diesem Tag die Geschäfte nur alle vier Wochen bis 18 Uhr offen) mit meiner Mutter durch die Stadt, um Besorgungen zu machen. Besorgungen hieß an einem langen Samstag für meine Mutter: Schuhe kaufen, Kaffee trinken, noch mal nach Schuhen schauen, fürs Kind etwas kaufen und die Grundausstattung bei Frau Türcke in der Parfumerie Hannhausen erstehen. Mir wurde damals „Real Life“ von Aigner empfohlen. Ein Memphis-esker Flakon in Lila mit grauer Kappe. Wie er roch, weiß ich nicht mehr. In jedem Fall so gut, dass ich erst im Auto merkte, dass ICH es bin, der so wahnsinnig grandios duftet…


Yves Saint Laurent "Opium Fraicheur D’Orient" – Dieser (Damen)-Duft ist seit 10 Jahren mein Sommerparfum. Eine Art Aprikosen-Sorbet zum Aufsprühen. Sobald es über 25 Grad hat oder ich in den Urlaub fliege, wird der Flakon aus der hintersten Ecke hervorgekramt. Ich bin dann gut gelaunt, da ich weiß: Nun ist endlich Sommer. Dummerweise ist der Duft – meines Wissens – in Deutschland nicht mehr erhältlich. Bei meinem letzten Ibiza-Urlaub war ich verzweifelt und glücklich zu gleich, als ich in einem kleinen Laden meinen Frucht-Duft fand. Dummerweise gab es nur noch den halb vollen Tester, den ich der Besitzerin dann für 40 Euro abkaufte. Was man hat, hat man…


Paul Smith "London" – Noch so eine verzweifelte Erinnerung. Denn auch „London for Men“ gibt es nicht mehr. Einerseits eine Schande, dass die Masse an Leuten offenbar auch bei Düften nur Parfums schätzt, die so belanglos sind wie Kaufhaus-Musik. Andererseits aber natürlich auch ein Vorteil, da so wie ich nicht viele riechen. London ist sehr holzig und frisch. Und offenbar sehr außergewöhnlich. Ich bekomme nach wie vor stets Komplimente, wenn ich London aufgetragen habe. Denn auch hier habe ich mir in London gleich mehrere Fläschchen zugelegt. Aber die letzte Pulle (ich habe nicht wirklich Respekt vor Duftwässerchen) ist nun angebrochen. Trost gibt’s aber bereits: Burberry Brit for Men kommt „London“ schon sehr nahe.


Cartier "Must for Men" – Während eines Sommerurlaubs lernte ich in einer Bar einen charmanten Herren kennen, den ich für einen Dänen hielt. „Ach“, dachte ich, „wie praktisch. Dann wohnt er nicht weit weg von Hamburg. Den lernste mal näher kennen.“ Dummerweise hatte ich mich verhört. Der junge Mann war Holländer. Als er in der ersten Nacht auch nicht das „eine“ von mir wollte (auf Mykonos! Wo gibt’s denn so was noch?) sondern einfach mit mir spazieren ging, war es um mich geschehen. Ich hatte meine erste Urlaubsliebe kennen gelernt, die schließlich vier Jahre hielt und mir am Ende eine lebenslange Abneigung gegen Amsterdam und Holländer beschied. Das wussten wir natürlich nach den zwei Tagen auf Ibiza (Grundproblem Urlaubsflirt: Der eine reist immer dann an, wenn der andere quasi schon auf dem Weg nach Hause ist) noch nicht. Also kaufte ich mir als Erinnerung im Duty Free Shop „sein“ Parfum: Es war „Le Must for Men“ von Cartier. Dachte ich. Denn ich verriet ihm viele Jahre dieses kitschige Erlebnis nicht. Hätte ich das mal vorher getan. Wie sich nämlich herausstellte, hatte ich mich vertan. Es war der Duft seines besten Freundes, der das Hotelzimmer mit ihm damals geteilt hat. Und mit ihm bin ich bis heute zusammen (kleiner Scherz…)


Prada "Infusion de Vétiver" – Als vor Jahren Prada seinen ersten Duft lancierte, war ich einer der Ersten, der ihn sich kaufte. Blind. Ein großer Fehler. Denn Miuccias Männerduft-Premiere war mir dann doch etwas zu sehr „Opas Barber Shop“. Bei der neuesten Kreation war ich daher skeptisch – wurde aber mehr als angenehm überrascht. Eine frische Vétiver-Note, die das Typische der Kopfnote mit etwas sehr frischem Außergewöhnlichen verbindet.


Zu Mir: Ich bin seit drei Jahren Modechef von Gala und Gala Style und seit einem Jahr Redaktionsleiter von Gala MEN. Außerdem bin ich Teilzeit-Blogger auf meinem Blog „Too posh to push“. Diesen habe ich ins Leben gerufen, da ich finde, dass sich viele Blogger völlig überschätzen und glauben, dass sie Ahnung von Mode haben, nur weil sie sich morgens anziehen.

Bild 1: Sceenshot von Too posh to push
Bild 6: Marcus Luft