2013/07/07

Tom Bianchi - Fire Island Pines...


Während Tom Bianchi unter der Woche als Anwalt in einer New Yorker Kanzlei arbeitete verbrachte er wie viele andere die Wochenenden auf Long Island, besser gesagt auf der vorgelagerten Insel Fire Island. Ständiger Begleiter war bei diesen Ausflügen seine Polaroid SX-70, mit der er Anfangs noch Muscheln fotografierte, sich aber schnell reizvolleren Sujets zuwandte und seinen Freundeskreis ablichtete. 
Mitte der 1970-er steckte die Gay Liberation Bewegung noch in den Kinderschuhen. Gerade einmal ein paar Jahre war der Stonewall-Aufstand her, bei dem sich Schwule gegen Willkür durch die Polizei widersetzten, doch offen schwul zu leben und gleichzeitig in einem konservativen Umfeld anerkannt zu werden war noch nicht denkbar. Fire Island hingegen funktionierte nach seinen eigenen Regeln. 
Seit dem späten 19. Jahrhundert haben sich kleine und teils sehr elitäre Ferienorte auf Fire Island herausgebildet, die alle einen eigenen Charakter haben und einen eigenen Mikrokosmos bilden. Da gibt es Orte für die WSAP's (White Anglo-Saxon Protestant) und welche, die besondern von jüdischen Familien bevorzugt werden; die hippen Schwulen (Henryk M. Broder, Spiegel Online, 2003) zieht es eher nach Chery Crove und die eher konservativen, reichen nach Pines. Die Insel wurde zum Ferienparadies, in dem man seine Sexualität nicht hat verleugnen müssen. 
Bevor Aids die Menschen in die raue Wirklichkeit zurückholte war ein Pines ein Arkadien. Schöne Menschen tummelten sich an den Pools und genossen ein leichtes Leben fern des Alltags. Für den Hobbyfotografen Bianchi war es ein idealer Nährboden sich auszuprobieren und ein Werk zu schaffen, das in leuchtenden Farben von der Leichtigkeit des Seins erzählt. Die Polaroid war dafür ein ideales Spielzeug, weil sie es erlaubte schnell agieren zu können und zu dem die Resultate gleich aufzeigte. So entstanden unzählige Bilder und Bianchi wurde nach IBM zum zweitgrößten Kunden von Polaroidfilmen.
Schnell interessierte sich Poalroid für den Mann, der so einen enormen Verbrauch hatte und man war beeindruckt von seinem Bildern. Buchprojekte wurden konzipiert und scheiterten letztendlich an der Verbohrtheit der Marketingabteilungen, die für ein solches 'Spartensujet' keinen Markt sahen und vielleicht auch Angst hatten im konservativen Amerika ein schwules Thema zu veröffentlichen. 2013 sieht es hingegen ganz anders aus, mittlerweile ist die Homoehe allgegenwärtiges Thema und das einst innovative Polaroidsystem ein Relikt aus einer analogen Zeit. Tom Bianchi's Bilder zeigen also in zweierlei Hinsicht ein Stück Geschichte, die einer Technik genauso wie die einer Gesellschaft. 




Bei Damiani erschien nun ein Band mit den Fotografien von Tom Bianchi. 'Fire Island Pines' zeigt zwischen 1975 und 1983 entstandenen Bilder in grandiose guter Qualität. Die einzelnen Fotografieren stehen direkt hochglänzend auf dem matten Untergrund. Zu dem ist jedes Buch von Bianchi handsigniert und allein deshalb ein kleines, sehr feines Kunstwerk. Zu dem gibt es eine Edition im Schuber mit einem signierten Print.

Nachtrag: Fire Island Pines hat auch heute nichts von seiner Allure und Anziehungskraft verloren, gleichzeitig haben aber auch findige Geschäftsleute dies erkannt und so kann es einem schon passieren, dass man plötzlich den vielleicht teuersten Snickers der westlichen Hemisphäre über den Ladentisch wandern sieht. Out-Autor Andrew Belonsky hat einen sehr lesenswerten Artikel darüber geschrieben

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