2011/01/08

Modestrecke, Unterwegs mit Les Mads...


Bücher über Mode sind mein absoluter Favorit momentan. Ich meine damit aber nicht die üblichen Fotobücher, sondern die mit Texten und wenig bis gar keiner Bebilderung. Nach Fachliteratur stelle ich heute eher etwas Triviales vor, statt ARTE also eher RTL II oder so in die Richtung. Die Damen von Les Mads (Deutschlands erfolgreichster Modeblog!!!), Julia Knolle und Jessica Weiß, haben nun ein nicht wenige Seiten umfassendes Werk herausgebracht und schildern darin ihren Werdegang, ihre Haltung zu Mode. Es geht um die Metamorphose zweier Mädchen mit öden Studiengängen und der Realisation ihrer Träume.
Die Geschichte von Les Mads, besser gesagt die 'Geburt' des Projekts, wird im Buch als Finden von Weggefährten beschrieben. Die Eine hat die Andere angeschrieben und von ihrer Idee erzählt, sie haben sich verquatscht und sind als beste Freundinnen auseinandergegangen. Nachdem die Sache ganz gut angelaufen ist, sprang der Burda Verlag als Geldgeber auf den Zug auf und die beiden waren sicher untergebracht, hatten Zeit Vollzeitbloggerinnen zu sein. Ich habe aber auch schon die Geschichte gehört, dass Burda von Anfang an hinter dem Projekt stand und einfach zwei Praktikantinnen in ein kleines Büro zur Projektbetreuung gesperrt hat. Welche von beiden stimmt weiß ich nicht, ist aber auch wenig relevant. Wobei natürlich erstere besser klingt...

Danach ging es dann steil bergauf und es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Knolle und Weiß hart gearbeitet haben und ohne sie die deutsche Bloggerkultur sicherlich nicht da wäre wo sie zum jetzigen Zeitpunkt ist. Die burdasche Marketingmaschinerie hat noch zusätzlichen Fahrtwind gegeben. Die Damen sind zu Weltreisenden in Sachen Mode geworden und sitzen je nach Stadt und Modenschau zwischen Reihe 1 und X, dabei sind sie aber auf jeden Fall. Auf dem Blog wird der Leser dann virtuell auf diese Reisen mitgenommen, wird teilweise zugeschüttet mit Informationen.
Diese subjektive Sichtweise und die scheinbare Kumpelhaftigkeit sind einnehmend und führt nicht grundlos zu gut einer halben Million Leser im Monat.
Das Buch soll nun diese Reise fortsetzen und gleichzeitig das Kuriosum Modeblog, die Stellung des Bloggers und auch die Mode an sich erklären. Der Unterschied zwischen Haute Couture und allem anderen Krams von der Stange ist dabei ebenso Thema wie der Trubel im Backstagebereich (S. 181ff) einer Modenschau. Letzteres und andere Anekdoten – S. 163 'Kurze Haare oder...' ist ein gutes Beispiel für einen launigen, sympathischen Text – sind nett zu lesen und die Stärke des Buches. Allerdings sträuben sich beim besagten Couture-Kapitel meine Nackenhaare auf. Ich will ja nicht schon wieder auf dem Wort 'Bestickungen' (S. 57) rumreiten, aber dieses Wort gibt es noch immer nicht, auch wenn Les Mads hart daran arbeitet es zu lancieren. Und ich habe sogar in Loschek's Textillexikon und Langenscheidt's Praxiswörterbuch nachgeschlagen, sowie das Netz danach durchforstet, nur um wirklich sicher zu gehen.
Auch dem Thema Vintage wurde ein eigenes Kapitel gewidmet. So wenig nur? Wahrscheinlich wurde schon während des Schreibens klar, dass das was als Vintage zu bezeichnen ist eben nicht dem gleicht was auf der Website immer als solche propagiert wird. Und das Valentino Kleid von Julia Roberts ist nicht von 1984 sondern 1992, dafür braucht man bei Google nur die Schlagwörter Julia, Roberts und Valentino eingeben. Wer rund um die Uhr Online ist (siehe S. 18), hat sicherlich schon mal von gehört!?
Die besseren Texte und Geschichten im Buch sind mit dem Label 'Julia' versehen. Obwohl diese im vergangenen August den Quotendampfer Les Mads verlassen hat und sich seit dem nicht näher bekannten Projekten widmet, ist sie hier noch einmal Teil von Les Mads. Das Nachlassen der Qualität der Website und deren Entwicklung hin zur Werbeplattform und Linksammlung ist somit durchaus mit Knolle's Weggang einhergegangen. Informative Artikel trugen auch im Netz meist ihren Namen.
Die Autorinnen wurden von der Grafikerin Silke Werzinger unterstützt, welche neben der Cover-Zeichnung auch kleine grafische Arbeiten untermischt. Sie sind mädchenhaft leicht gezeichnet und lockern den Text optisch auf. Beim Papier hat der Verlag leider gespart, ein bisschen hochwertigeres Papier hätte vor allem den Zeichnungen gut getan. Allgemein stellte mein Kollege enttäuscht fest: "Ich habe etwas hochwertigeres erwartet."
Das Buch ist stellenweise nicht weniger schlecht recherchiert wie einige der Blogposts, nur leider kann man einmal gedrucktes Material nicht einfach so mal schnell wieder korrigieren. Vielleicht könnte Berlinverlage aber auch einfach ein Fläschen Tipp Ex und einen Kugelschreiber beilegen, dann kann man selbst darin die Fehler ausbessern. Und trotzdem ist es empfehlenswerte Lektüre für 15-Jährige, die davon träumen, als Modebloggerin um die Welt zu reisen. Oder aber auch für Redakteure deutscher Wochenzeitungen. Tillmann Prüfer kommt zu dem Urteil: "Dieses Buch ist gefährlich für Männer. Es reicht sich der Modebegeisterung von Julia Knolle und Jessica Weiss ein paar Seiten lang auszusetzen, schon wünscht man sich, eine Frau zu sein." Lieber Herr Prüfer, da gibt's sicherlich was von Ratiopharm!

Nachtrag: In der Sonntagsausgabe der FAZ, mein liebste Frühstückslektüre, wurde heute ein mit Jessica Weiss geführtes Interview veröffentlicht. Anke Schipp hat sich richtig viel Mühe gegeben. Nicht nur dass sie die meisten Antworten schon in ihren Fragen vorweg nimmt, sondern auch auf den Inhalt des Buches geht sie kaum ein. Dafür wurden aber die Leserzahlen von Les Mads gleich mal noch um gute 100.000 nach oben korrigiert. Wenn es so weitergeht lesen wir nächste Woche auf der Bild: "1. Milliongrenze erreicht – Les Mads übernehmen die Weltherrschaft. Kai Diekmann wird neuer Redaktionspraktikant bei Deutschlands Modeblog Nr. 1."

Preis: 9,95 €
Tipp: Buchpräsentation am 22. Januar 2011 im Departmentstore-Cabinet

Kommentare:

  1. Gut geschrieben und wiedermal treffend auf den Punkt gebracht! LesMads ist ein künstliches Objekt und der Anfang vom Ende ist schon eingeläutet! Das Blog ist einfach nur noch eine Linksammlung; und so Texte wie "soll ich es kaufen oder nicht" dienen nur als Werbetexte für Marken und Produkte. Unehrlich und fake!

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  2. die beiden haben sich über umwege kennengelernt und wurden von prinzen burda gerettet - fast so schön wie ein märchen.

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  3. Ich liebe diesen Bericht, der ist herrlich, sehr gut geschrieben, danke René .... zum Glück bist du auf die enthusiastischen Empfehlungen zweier Vertreter von Qualitätszeitungen Deutschlands auf der Rückseite eingegangen ... dabei dachte ich: Was für ein unglaublicher Filz, wenn eine Tante von der Süddeutschen und ein Autor der Zeit sowas schreiben müssen ....

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  4. Schaller, du nervst.

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  5. Kannst du auch schreiben warum dies der Fall ist? Was nervt dich daran, dass ich ganz subjektiv beschreibe was mir an dem Buch nicht gefällt?

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  6. Rene! Der Text ist wirklich top! Endlich jemand, der mal die Wahrheit über diese PR Gelddruckmaschine sagt! Weiter so!

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  7. komisch - immer wenn man artikel bringt, die lesmads nicht komplett abfeiern, kommen kommentare (übrigens immer anonym) wie "du nervst" "so ein scheiss" etc....
    warum stehen die leute nicht hinter ihrer meinung und verlinken zu ihrem blog?

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  8. @Rene und Horst

    Ist zwar komisch, wenn ich auch Horst hier was dazu sage, warum aber nicht: Weder von den anonymen "Kritikern", die sich hinter sich selbst verstecken, noch von LesMads oder Burda würde sich auch nur eine Person getrauen, mit dir Rene oder mit uns in eine Diskussion vor ublikum zu gehen, weil sich die Leute in Wirklichkeit sehr gut einschätzen können und wissen, dass sie argumentativ und fachlich mit relativ leeren Händen dastehen ....

    Was ich wirklich schlimm finde, ist aber die Tatsache, dass es auch nettere etablierte Blogger gibt, die derselben Meinung über LesMads sind, sich aber immer bedeckt halten, wenn es darum geht, zu dieser Meinung auch mal öffentlich zu stehen......

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  9. Ich musste mich auch gerade mit dem Buch befassen, da ich einen Artikel darüber verfassen soll, und bin ganz Deiner Meinung. Ein netter Teenie-Ratgeber in Sachen Mode&Style. Mit gutem Journalismus, den sich die beiden doch sonst so gerne auf die Fahne schreiben, hat das Ganze leider nicht das Geringste zu tun. Unübersichtlich (52 kapitel auf 222 Seiten, das sagt ja schon alles), schlecht geschrieben und wirklich wahllos zusammengewürfelt. Jetzt muss ich gleich mal die letzte FAZ raussuchen, das Interview habe ich doch glatt übersehen ...

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  10. Die Schwächen der LesMademoiselles...ziemlich gut aufgedeckt und in Worte gefasst. Ich würde mir das Buch hauptsächlich wegen der Illustrationen kaufen. Ansonsten finde ich den vorgenommenen Wechsel des Mediums von Blog zu Buch eher befremdlich...

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  11. Wo so viel darüber gesprochen wird, überlege ich doch es zu kaufen und mir eine eigene Lesermeinung zu bilden, oder reicht das querlesen im Buchhandel?

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  12. Kaufen lohnt nicht, halbe Stunde Zeit und ein Buchladen der das Buch hat... Man nimmt es nach einmal lesen nie wieder in die Hand.

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