2011/10/29

Der Dandy Als Tagungsthema: Tag 1...


Gleich vorweg: Alles was uns Modemagazine als Dandy verkaufen wollen, also jene Anzüge, die sich von normalen Bürooutfits nur durch einen besser sitzenden Schnitt, eine Blume am Revers und das Einstecktuch in Brusttasche unterscheiden, hat mit dem was einen Dandy ausmacht, rein gar nichts zu tun. Aber dazu später mehr. Zuerst soll es natürlich grundsätzlich um die heutige Tagung zum Thema 'Das Leben als Kunstwerk – Der Dandy...' gehen. 
Fürst Hermann von Pückler-Muskau, Stefan George, Theodor Herzl und Francesco von Mendelsohn waren nur vier Dandy-Figuren um die es heute bei den Vorträgen ging. An ihren Biografien wurde jeweils ein Dandytypus definiert, der unterschiedlicher nicht hätte sein können. Da haben wir einerseits die Exzentriker Pückler-Muskau und von Mendelsohn; ersterer fuhr mit einem von vier Hirschen gezogenen Gespann durch Berlin und der andere, einer geschichtsträchtigen und intellektuell bedeutenden Berliner Bankiersfamilie entstammend, erregte nicht weniger Aufsehen mit einem weißen Sportwagen. Per Definition sind beide wohl keine wirklichen Dandy's. Sicherlich haben sie einen erlesenen Geschmack, doch sind sie wenig zurückhaltend und erregten Aufsehen. Herzl und George entsprachen einem anderen Typus. Beide verfeinerten ihren Look und ihren Habitus um die Menschen mitzureißen und zu verführen. Doch waren Herzl und George wirklich Dandy's?
Was macht also den Dandy aus? Ein wahrer Dandy zeichnet sich vor allem durch eine raffinierte und zurückhaltende Eleganz aus. Sein Stil ist so verfeinert, so reduziert, dass er sich der Schnelllebigkeit der Mode entzieht. Das höchste Ideal eines Dandy's ist die Vollkommenheit und gleichzeitig die Unauffälligkeit, was verglichen mit dem heutigen Bild des Dandy's paradox klingen mag. Und auch eigentlich im Gegensatz dazu steht, dass der Dandy danach strebt gesehen zu werden. Es geht ihm darum bewundert zu werden, als Mittelpunkt der Gesellschaft anerkannt zu werden, ohne dieser wirklich anzugehören. 
Überhaupt geht es dem Dandy darum in Opposition zur Gesellschaft zu treten, sei es in seinen Taten oder Worten oder seinem Verhalten. Die frühen Dandy's zeichneten sich nicht wie man annehmen könnte durch Exzentrik aus, sondern durch einen besonderen Konservativismus und vollkommene Selbstbeherrschung. In einer Zeit der Dekadenz und der romantischen Gefühlsbetontheit kultivierte besonders George Brummell einen Stil, der als oberflächlich und blasiert bezeichnet werden kann. Das eigene Begehren galt es hinter einer Maske der Gleichgültigkeit zu verstecken, was gleichzeitig das Begehren anderer anstachelte. 
Charles Baudelaire schrieb in einem Essay über den Dandy: "Er muss leben und schlafen vor einem Spiegel." Was nichts anderes bedeutet als das ein Dandy in jeder Lebenslage die Kontrolle über sich, sein Handeln und seine Worte haben muss. Auch Baudelaire war ein Dandy, und gleichzeitig ein genauer Betrachter seiner Umgebung und des Dandysmus. Für ihn ist der Dandymus nicht weniger als das letzte Aufleuchten des Heroismus im Zeitalter der Dekadenz.
Während der Dandy anfangs vor allem in der englischen Upper-Class angesiedelt war und auch zuerst von den französischen Jockey-Clubs übernommen wurde, entwickelte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts auch ein intellektueller Dandysmus, der nicht mehr auf Geld basierte. Dichter wie eben Baudelaire (Bild) und Jules Barbey d'Aurevilly hatten zwar durchaus Geld geerbt, doch auch schnell durch ihre Extravaganz in den Sand gesetzt. Sie erschufen einen Dandy, der vorallem in der Theorie und im Geiste perfektioniert wurde. In ihrer Nachfolge kann man dann auch Stefan George ansiedeln. Doch auch sie waren keine richtigen Dandy's, weil alle drei nicht ihre Hauptbeschäftigung darin sahen sich zu perfektionieren und stundenlang einen Look zu präparieren. 
Allgemein lässt sich über den Dandy sagen, dass nicht die Kleider an sich entscheidend sind, sondern die Art sie zu tragen. Womit wir auch wieder am Anfang angelangt wären, um dem was uns Magazine als Dandy verkaufen wollen. Vielleicht gibt es den richtigen Dandy aber auch gar nicht und er besteht wirklich nur in der Theorie? Dem Menschen gelingt es nur für einen kurze Moment Dandy zu sein, nur um gleich wieder festzustellen, dass es unmöglich ist!? 
Heute findet der zweite Teil der Tagung statt, mit noch einmal vier Vorträgen. Es wird vor allem um die Frage gehen, ob es noch Dandy's gibt und was diese auszeichnet. Ich werde natürlich versuchen auch dieses Thema in einem Text unterzubringen. Ein Liste der Referenten gibt es hier.

Kommentare:

  1. Hallo René,
    ich beneide Dich wahnsinnig um die Dandy-Veranstaltung! Was für ein schöner Text von Dir! Vor ewigen Zeiten gab es an der Kunstakademie Düseldorf ein Seminar über alle Arten des Dandytums, und das über zwei Semester hinweg, das war sooo cool! Und zwar wurde das Seminar von dem Soziologen Hans-Peter Thurn und dem allwissenden Oswald Wiener gehalten, die die sich immer so charmant stritten, wer denn nun ein Dandy war, und wer nicht (wobei die beiden selbst auf jeden Fall unter die Kategorie fallen!). Soweit ich mich erinnere lautete das Fazit nach zwei Semestern, daß sowieso fast niemand das absolute Ideal erreicht hat, weil es wirklich ein extrem strenges Konzept ist, vor dem Spiegel zu leben. Hach, das waren Zeiten!
    Ich wünsche Dir noch einen schönen Sonntag,
    Julia

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  2. Liebe Julia,
    in wenigen Minuten kommt der zweite Teil, in dem ich auch zu dem Schluss komme, dass es den reinen Dandy nicht gibt. Und auch ein Beispiel für den Femme Dandy wird angeführt...
    Gruß René

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