2011/11/01

Wanderung Zum Schachen-Schloß...

Text und Bilder: Paul Peschke

Es ist schon etwas her, da machten wir uns hier in diesem Blog auf die Reise in die Bayrischen Alpen, in ein verstecktes pittoreskes Hochtal hinter den Bergen, zunächst auf die Kranzbachwiese und etwas später weiter zum Schloss Elmau, das eigentlich ein Hotel ist.
Heute nun wollen wir uns aufmachen zur dritten und vorerst letzten architektonischen Überraschung hier am Nordrand des Wettersteingebirges – und das geht nur zu Fuß. Denn die Mautstraße, auf welcher unser Ausflug kurz hinter Garmisch begann, endet am Alpengut Elmau – treue Leser dieses Blogs werden sich erinnern. Und so soll dieser Beitrag hier auch ein kleiner Rückblick auf die wenigen schönen Sommertage diesen Jahres sein.



Mit festem Schuhwerk oder dem Mountainbike erreicht man über den so genannten Königsweg in den Sommermonaten nach gut dreieinhalb Stunden Fußmarsch – fast durchweg bergauf – den Berg Schachen, 1866 Meter hoch. Von hier aus hat man einen phantastischen Ausblick gen Norden auf das Zugspitzmassiv und hinunter Richtung Garmisch. 
Das fand auch König Ludwig II. von Bayern, der wegen seiner Leidenschaft für opulente Um- und Neubauten von Schlössern, die Opernkulissen entsprungen sein könnten gern auch der „Märchenkönig“ genannt wird. Am Schachen fand man neben der prächtigen Aussicht auch eine Quelle für die Wasserversorgung, was schließlich ausschlaggebend für den Standort dieses nach Plänen des Münchner Architekten und Hofbaudirektors Georg (von) Dollmann in den Jahren 1869 bis 1872 errichteten „Jagdschlosses“ war. Der „Kini“ selbst soll aber wenig von der Jagd gehalten haben, wohl aber in jungen Jahren ein begeisterter Wanderer und Kletterer gewesen sein.
Nähert man sich über den gut ausgebauten (weil für Kutschen ertüchtigten) Königsweg dem Bergvorsprung des Schachen so erblickt man ein großes, im Schweizer Chaletstil errichtetes holzverkleidetes Haus mit Erd- und Obergeschoss. Zwischen dem Bergsporn und der Wettersteinwand liegen in einer Talmulde geduckt die Wirtschaftsgebäude – heute eine bewirtschaftete Berghütte mit den typischen bayrischen Schmankerln.


Von außen sieht das Königshaus geradezu einfach aus. Dieser Eindruck setzt sich im Inneren fort: Die Räumlichkeiten für den König, der hier gern seinen Geburtstag am 25. August verbrachte, und seine Gäste sind komfortabel, aber einfach eingerichtet. Eine prunkvolle Ausstattung sucht man vergebens. Dieser Eindruck der eher gutbürgerlichen Schlichtheit war auch beabsichtigt – der König soll sich hier hoch auch zum ungestörten Arbeiten zurückgezogen haben, und dem Wanderer, der vielleicht einen Blick durch das Fenster nach innen erhaschen konnte wollte man das Gefühl vermitteln dass hier jemand mit Bodenständigkeit sein Refugium hat. Stutzig macht dann aber ein Wasserschaden an der Holzdecke des Gäste-Schlafzimmers – im Erdgeschoß. 
Am königlichen Abort vorbei (gelobt seien moderne Sanitäranlagen!) gelangt man über eine sehr schmale Wendeltreppe ins erste Obergeschoss des Hauses, welches in seiner gesamten Größe durch einen einzigen Saal eingenommen wird. Und hier nun bekommt man wieder das durchaus klischeebehaftete Bild bestätigt, welches man landläufig von diesem eigenwilligen König hat, der versuchte, sich durch besondere Bauten und Räumlichkeiten seine ganz eigene Welt fernab des Alltags, aber doch in der Realität zu schaffen: Farbige Bleiglasfenster lassen das Sonnenlicht farbenprächtig in einen mit orientalisch anmutenden Ornamenten und Mustern ausgestatten Raum fallen – den Türkischen Saal. Aufwändig bestickte Textilien, gemütliche Sitzecken, Straußen- und Pfauenfedern, Kandelaber und ein kleiner Springbrunnen in der Mitte – wohl die Ursache für den besagten Wasserschaden ein Stockwerk tiefer – sollten den überraschend außergewöhnlichen Rahmen für ausgelassene Feierlichkeiten auf knapp 2.000 Metern Höhe bilden. Glaubt man den überlieferten Darstellungen so hatten sich Gäste und Personal in entsprechende orientalische Roben zu kleiden. Einmal mehr zeigt sich hier, dass Extravaganzen bei der möglichst ausgefallenen Ausrichtung von inszenierten Feierlichkeiten – die „Location“ eingeschlossen – keineswegs Erfindungen unserer Tage sind…


Ich bin nun in der Tat etwas neidisch, habe ich es doch nie hoch zu Königshaus auf dem Schachen geschafft. Vielen Dank, dass du uns auf deine Wanderung mitgenommen hast!  RS